Mein Freund Dahmer (Derf Backderf)

16 05 2013

Manche Geschichten muss man in Bildern erzählen, weil man nicht genug Worte für sie findet.
Daraus entsteht dann eine so genannte Graphic Novel (in Deutschland leider viel zu wenig beachtet und oft herablassend als “Nicht-Literatur” abgetan), die solche herausragenden Titel wie “Maus” von Art Spiegelman (mit dem Pulitzer ausgezeichnet) oder auch “Persepolis” von Marjane Satrapi hervorbringt.
Der graphische Stil, so unterschiedlich er auch sein mag, hat unwillkürlich eines gemeinsam bei diesen Geschichten: Er ist minimalistisch ausgeführt, in scharfen Schwarz-Weiß-Konturen, hart und schnörkellos. Nicht unbedingt “schön”. Aber “schön” sind diese Geschichten ja auch nicht, sondern sehr bewegend. Auch hier ist der Stil passend. Diese Graphik will nicht “gefallen”, sie ist ein Ausdruck und Transportmittel dessen, was den Erzähler bewegt. Was aus ihm herauskommt, ein Stück Ureigenes.

Ausgerechnet “Kaltblütig” will ich hier zum Vergleich heranziehen, weil eine eindeutige Parallele besteht.
Wir erfahren hier die Vorgeschichte über Jeffrey Dahmer, einen grausamen Serienmörder in den USA, der zwischen 1978 und 1991 mindestens 17 Männer und Jugendliche umbrachte.
Genauso wie Truman Capote auch hat Derf Backderf 20 Jahre lang recherchiert, Interviews geführt, Archive gestöbert. Genau wie Capote auch erzählt Backderf die Geschichte nüchtern und distanziert als dokumentarischen Tatsachenbericht. Allerdings in diesem Fall NICHT die Geschichte der Taten, sondern das DAVOR, das einen kleinen Einblick in das geben mag, was später aus Dahmer wurde.
Aus diesem Grund trifft auch der zunächst irritierende Buchtitel genau zu. Das war für mich zunächst eine Abschreckung, aber wie es so ist, man muss sich eben darauf einlassen, und dann öffnet sich der Verständnishorizont. Und nein, das Buch könnte nicht anders heißen.
Genau wie Capote auch ging diese Geschichte Backderf an die Substanz. Capote, weil er zu tief in die Abgründe hinabgetaucht war und die emotionale Distanz nicht mehr schaffen konnte. Backderf, weil er mitten darin war. Weil er ein Teil der Geschichte ist und sich lebenslang mit der Frage quälen muss, ob er nicht etwas hätte tun/verhindern können/müssen. Weil er erfahren hat, dass der – zugegeben etwas seltsame – Junge, mit dem er in die Schule gegangen ist, neben dem er gesessen und mit ihm Blödsinn veranstaltet hat, ein grausamer Mörder ist. Und nun damit fertig werden muss.

Backderf beschreibt aber auch die Jugend der 70er, wie sie ganz typisch verlief. (Übrigens auch die meine, und ja, auch bei uns gab es Freaks, und ja, ich bin froh, dass ich nie erfahren habe, was aus ihnen wurde.) Er erzählt uns also von den Freaks, die es gab – und Dahmer war beileibe nicht der Einzige – und wie man mit ihnen umgegangen ist. Die laut waren, erhielten Verweise und Bestrafungen, die leise waren, wurden “übersehen”. Man könnte auch sagen: ignoriert. “Macht keinen offensichtlichen Ärger”, also ein Problem weniger, um das man sich kümmern muss. Wie tragisch falsch diese Einstellung ist, wissen wir alle. Vielleicht können Bücher wie diese uns dazu verhelfen, daraus einmal zu lernen … aber zumindest sollten sie uns aufrütteln.
Backderf prangert – zu Recht, und heute aktueller denn je – an, dass NIEMAND etwas dagegen tut. Dass nichts unternommen wird, solange nicht das Drastische geschieht. Genau so ist es überall auf der Welt, auch bei uns in Deutschland und dem sonstigen Europa. Die Massenmörder, die Massaker in den Schulen anrichten, tun das nicht aus einer Kurzschlusshandlung heraus, dem geht immer ein langer Prozess voraus, den niemand wahrhaben will, weil niemand sich verantwortlich fühlt. Genauso betrifft das auch die Gewalt in der Familie, die bis zur Gefangenschaft und Sklavenhalterei führt.

Eine wichtige Lehre müssen wir daher aus Geschichten wie diesen ziehen: Wir müssen wieder mehr Fürsorglichkeit füreinander aufbringen. Ob es gelingt? Vielleicht, eines Tages, wenn viele von uns diese Berichte verinnerlicht haben, und nicht einfach nur konsumiert.

Backderf berichtet die Geschichte nicht nur in oben beschriebener Bebilderung, sondern auch in einer Menge Begleittext, der fast die Hälfte des Buches ausmacht. Hier zwei Zitate, um zu verdeutlichen, worum es geht:

Für die Öffentlichkeit war Dahmer ein perverses Monster. Für mich war er ein Junge, der im Klassenzimmer neben mir gesessen und mit mir im Musikzimmer abgehangen hatte. Ein Außenstehender kann sich nicht vorstellen, wie das war, als die Nachrichten über Dahmer über mich hereinstürzten, oder wie es sich immer noch anfühlt, wenn ich an unsere Freundschaft denke. (…)
Ich glaube, dass Dahmer nicht als Monster hätte enden müssen, (…) wenn die Erwachsenen in Dahmers Leben nicht so unerklärlich, unverzeihlich, unverständlich ahnungslos und/oder gleichgültig gewesen wären. Ich kann dabei nicht genug betonen, dass mein Mitgefühl für Dahmer an dem Punkt endet, wo er zu töten begann. (…) entschied er sich, und nur er allein, Serienmörder zu werden und Leid über unzählige Menschen zu bringen. Es gibt eine verblüffend große Menge Menschen, die in Dahmer einen Antihelden sehen, ein verstoßenes Kind, das der Gesellschaft ihre Ablehnung heimzahlte. Das ist Unfug. Dahmer war ein kranker Bastard, dessen Verkommenheit nahezu jenseits allen Verständnisses liegt.

Backderf prangert aber nicht nur das Wegschauen und die Untätigkeit der Erwachsenen an, sondern auch die heutige Popkultur, die aus solchen verabscheuungswürdigen Menschen Ikonen machen.
Wobei ich das wegen der “Faszination des Bösen” sogar bis zu einem gewissen Grad verstehen kann, denn der Voyeurismus liegt nun einmal in uns allen, und so ein “Spiel” löst ein gruslig-wohliges Kribbeln in uns aus. Dennoch dürfen wir dabei nicht vergessen, was genau diese Typen wie Hannibal Lecter treiben, auch wenn sie fiktive Figuren sind. Es gibt genügend, die noch viel Schauerlicheres in der Realität tun.

Dieses Buch jedenfalls ist wichtig, es ist ein historisches Zeitzeugnis aus der Sicht eines Augenzeugen, und es bekommt in meiner Bibliothek seinen Platz gleich neben “Kaltblütig”, dem es in nichts nachsteht. “Mein Freund Dahmer” wäre für mich eine wichtige Schullektüre, denn es ist kurz, knapp, prägnant und bietet sehr viel Background an Diskussionen, Anregungen und Auseinandersetzung. Gerade für die Jugendlichen.

Das Schlusswort überlasse ich Lutz Göllner (zitty), der das Nachwort für die deutsche Ausgabe verfasst hat: Eines sollte klar sein: Serienmörder sind eben meist keine hochintelligenten Supermänner wie Dr. Lecter oder Dexter. Meist sind sie inzestuöse, triebgesteuerte Knalldeppen mit einem Intelligenzquotienten, der sich knapp über Raumtemperatur bewegt.



Joseph Anton (Salman Rushdie)

28 03 2013

So, ich habe sie durch, die 700 Seiten-Autobiographie.
Und es ist schwierig, etwas darüber zu sagen. Von Anfang bis Ende hindurch war ich irritiert, dass Rushdie von sich selbst in der dritten Person schreibt. Dadurch entsteht eine Distanz, die für eine Autobiographie ungewöhnlich ist und ein zwiespältiges Gefühl hinterlässt.
Warum man dieses Buch liest? Weil man wissen möchte, wie sich jemand fühlt, über den eine Fatwa verhängt wird, und der von nun an unter strengster Bewachung leben muss. Rushdie erzählt viel, und er ist nun einmal ein guter, ja hervorragender Erzähler, was die 700 Seiten bewältigen lässt. Aber haben wir ihn auch zumindest ein wenig kennengelernt? Irgendwie nicht. Ich habe in meinem Leben schon ein paar Schriftsteller getroffen, auch welche auf der Bestsellerliste. Bei allen hatte ich den Eindruck, sie seien “ganz normale” Menschen. Außergewöhnlich durch ihre künstlerische Begabung natürlich, und außergewöhnlich manchmal auch durch ein bewegtes Leben. Ein bisschen “verrückt”, gewiss.
Aber Rushdie bewegt sich in Gefilden, die unerreichbar sind für mich. Und so legt er es auch dar. Ich bitte das nicht mit Arroganz zu verwechseln, sondern ich spreche damit die Distanz an, die es schwierig macht, Bedauern zu empfinden trotz des Leids, das er durchgemacht hat. Rushdie gestattet nur einen sehr kleinen Einblick in sein Leben. Am undistanziertesten ist er dann, wenn er von seinen Eltern berichtet; obwohl, eigentlich nur von seinem Vater. Selbst seine Geschwister kommen kaum zum Zuge. Überhaupt sind alle Personen in seinem Umfeld irgendwie … Staffage, die sogar nur sehr selten ein Stichwort erhalten. Rushdie erzählt vom Leben eines Mannes in der dritten Person, er beschreibt seine Beziehungen, seine Gefühle – aber alles nur am Rande, in Nebensätzen. Er tobt sich mehr mit seinem phänomenalen, durch ein wohl penibel geführtes Tagebuch unterstütztes Gedächtnis aus durch Preisgabe von Begegnungen mit Personen, oder seiner Literaturkenntnis. Aber das liest sich mehr wie ein Geschichtsbuch in der Schule, nüchtern und ohne Hintergrund.
Rushdie führt einen erbitterten und tragischen Kampf um sein Selbstbestimmungsrecht. Doch mit wem genau kämpft er? Wen hat er an seiner Seite? Ich lese immer nur Namen. Es findet so gut wie keine unmittelbare Kommunikation statt, alle Personen einschließlich des Erzählers bleiben für mich unbestimmbare, ungreifbare Schattenrisse. Er erzählt, aber er zeigt nicht. Er lässt keinen Zugang zu. Zu keinem Zeitpunkt habe ich mich an seiner Seite gefühlt, sondern es kam mir eher so vor, als würde ich vor einem Guckloch sitzen, an dem Scherenschnitte vorbeiziehen. Vermisst habe ich beispielsweise auch etwas, zu dem ich selbst einen Bezug gehabt hätte (mal abgesehen davon, dass ich seine Werke lese), wie etwa in Norwegen das gemeinsame Symposium mit einem weiteren Verfolgten, Roberto Saviano, wo beide über ihr Leben als “Gefangene” redeten – in dem damaligen Artikel war mehr Rushdie zu finden als hier. Doch er erwähnt diese Begegnung gar nicht. Warum eigentlich nicht, gerade weil sie doch beide Getriebene waren bzw. noch sind? Mich hätte interessiert, wie er sich in dem Moment gefühlt hat, einem “Leidensgenossen” zu begegnen.
Ist Rushdie nun sympathisch oder nicht? Ich weiß es nicht. Der Schriftsteller ist für mich genauso fremd und unbekannt geblieben, wie er es vor der Lektüre gewesen ist. Ich hatte keinen Anteil an seinem Leben. Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte das Schreiben der Biographie einem anderen überlassen. (Wie es Capote getan hat, und woraus die grandioseste und voluminöseste Biographie aller Zeiten wurde – auch wenn der arme Biograph hinterher ein seelisches Wrack war.) Gewiss macht Rushdie deutlich, dass seine Geschichte “aus ihm raus musste”, doch hat er sie nicht weitergeben wollen, sondern den Deckel nur ganz leicht angehoben und präsentiert nicht mehr als einen winzigen Ausschnitt seines tatsächlichen Lebens. Wer ist Rushdie, wer war Joseph Anton? Ich weiß es nicht. Dafür sind 700 Seiten an sich zu viel.

 



Er ist wieder da (Timur Vermes)

4 01 2013

Nein, ich will das nicht. Diese Hitlermania regt mich auf. Ich finde nicht, dass ein solches Ungeheuer so viel Aufmerksamkeit verdient hat und zum Popstar generieren sollte.
… und dann habe ich es doch getan. Denn dieses Cover an sich ist schon in seiner Schlichtheit so anziehend genial, dass man einfach hingucken muss. Der akkurat geschwungene Scheitel und das Bärtchen, das zusammen bildet den Grundstein einer perfekten Karikatur, die tatsächlich auf wenige Striche reduziert werden kann. Jeder weiß sofort, wer gemeint ist, es kann nur einen geben, unverwechselbar. Den Buchtitel auf die Form des Bärtchens zu schneiden, ja, da passt einfach schon mal alles. Dieses Cover ist der große Wurf!
Und dann geht es los mit dem Text, und schon die ersten drei Seiten sind zum Brüllen komisch. Hitler und wie er Deutschland sieht; es ist schon ein bissl kühn, ausgerechnet ihn als Ich-Erzähler zu nehmen, aber es funktioniert. Und wie! Es ist nachvollziehbar, es ist glaubhaft, es ist komisch – und es ist tragisch. Am besten gefällt mir, wie er zum ersten Mal fernsieht, da habe ich mich bald weggeschmissen. Danach dann, ja, bleibt einem immer mal das Lachen im Halse stecken. Und zwar immer mehr, je weiter die Geschichte voranschreitet (besonders krass ist die Szene mit der Oma seiner Sekretärin – da wurde mir ganz anders) und sich schließlich dem Ende mit einem erschreckenden letzten Absatz nähert – der an sich positiv stimmen könnte, wenn … tja, mit ihm kann es eben kein Happyend geben. Selbst wenn es hier vorgeführt wird. Da hatte ich dann doch einen Kloß im Hals.
Vermes gelingt es tatsächlich, Hitler trotz der Ich-Erzählung niemals als “guten Menschen” darzustellen. Zu keinem Moment vergisst man, wen man da vor sich hat. Vor allem entwickelt Adolf sich nicht weiter oder ändert sich gar, weil er durch das heutige Leben kontaminiert wird, sondern er erkennt mit scharfem Blick jeden noch so kleinen Missstand und legt den Daumen drauf. Er hat recht mit seiner schonungslosen Kritik, und er hat nichts an Bösartigkeit und Kompromisslosigkeit, vor allem Strebsamkeit verloren, wie er seine Ziele verfolgen will. So humorvoll es geschrieben sein mag, so grandios der Querzug durch die deutschen Parteien gelungen ist (allein schon wie er die NPD aufsucht und fertig macht in ihrem kleinen Haus) … das Lachen will nicht mehr recht gelingen – denn es ist gar nicht lustig: wegen der Reaktion der Umwelt auf ihn. Weil er die Wahrheit treffend sagt, gelingt ihm ein neuer Aufstieg, und dazu braucht er die Politik vorerst gar nicht. Er kann auch anders Einfluss nehmen. Und ihm wird alles gewährt, weil man sich weigert, ihn ernst zu nehmen.
Und das ist dumm, denn das war schließlich schon einmal der Fall gewesen.
Es spielt schließlich keine Rolle, ob der Mann nun tatsächlich durch einen Zeitsprung in der heutigen Gegenwart gelandet ist oder sich nur für Hitler hält und das zu 100% durchzieht. Seine Ansichten und Einsichten sind es, die man ernst nehmen muss, die kein Spaß sind.

Timur Vermes führt vor, wie einfältig die Menschen sind, und dass sie nichts gelernt haben. Im Gegenteil.

Das Buch läuft ab wie ein Film, durch diese großartige, ausgefeilte und anspruchsvolle Sprache, die niemals übertreibt und gut lesbar und flüssig bleibt, ohne jemals den hochintellektuellen Zeigefinger zu erheben. Ein Kunstwerk als Pageturner, inhaltlich nach der letzten Seite allerdings schwer verdaulich und (hoffentlich) zum Nachdenken anregend. Es sollte etwas hängen bleiben. Es muss ernst genommen werden.

Zusammen mit dem “Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand” mein absolutes Buch-Highlight des (nunmehr vergangenen) Jahres 2012.



Und Gott sprach: Wir müssen reden (Hans Rath)

29 11 2012

Nach dem schwer verdaulichen Rowling-Ziegelstein musste ich mir etwas Vergnügliches gönnen. Und das hat ausgezeichnet hingehauen. Das Büchlein ist frisch erschienen und schon Bestseller, kein Wunder. Nach einem allerdings ziemlich zähen Einstieg mit der arg überstrapazierten “Exfrau-Mutter-erfolgreicher Bruder-Konstellation” kommt die Geschichte schlagartig in Schwung und Fahrt mit viel Humor, Pointen, Ironie und auch Sarkasmus. Gott und wie er die Welt sah, mit Ausflügen u.a. nach Bayern zu Maria und Josef, die einen Sohn namens Christian haben, der aber das Zeugungsprodukt von Abel Baumann ist, der behauptet, Gott zu sein und deshalb einen Therapeuten sucht, der unser Ich-Erzähler ist, und der gerade selbst einen Therapeuten brauchen könnte. So schließt man nach und nach Freundschaft und hilft sich gegenseitig – und anderen. Der Text liest sich schnell und leicht, auf erfreulich moderater Seitenzahl. Ein vergnügliches, spritziges, intelligentes Weihnachts-Roadmovie mit bittersüßen Elementen. Ein tolles (vor allem genau passendes) Weihnachtsgeschenk an sich selbst und andere.



Ein plötzlicher Todesfall (J.K. Rowling)

20 11 2012

Vorab gesagt: Ich habe mir das Buch nur gekauft, weil ich “es wissen will”. Allein der – dürftigen – Inhaltsangabe wegen hätte ich keinesfalls zugegriffen. (Dass die Inhaltsangabe nicht anders ausfallen kann, wird einem bald klar.) Und bei jedem anderen Autor hätte ich – bei diesen Zeilen auf S. 120 angelangt – auch längst das Handtuch geworfen. Aber ich habe mir zum Ziel gemacht, mich damit bis zum (bitteren?) Ende auseinanderzusetzen.
Noch etwas zur Buchausgabe: Fast 600 Seiten dickes Hardcover und kein Lesebändchen? Geht gar nicht.

Die Exposition geschieht auf den ersten drei Seiten. Ein Paar will seinen Hochzeitstag feiern, und der Mann, ein angesehenes Gemeindemitglied, fällt tot um. Der Plot: Welche Auswirkungen hat der Tod eines Einzelnen auf die Gesellschaft und Gemeinschaft im Allgemeinen und die Personen im Einzelnen sowie deren Beziehungen? Dies soll in einer Sozial- und Milieustudie geschildert werden. Dabei müssen auch politische Kriterien berücksichtigt werden.
So lautet die Aufgabenstellung.

Warum wir das Buch trotzdem nicht lesen müssen: Rowling erzählt uns nichts, was wir nicht schon bis ins Detail wissen. Sie beschreibt westliche Kulturauswüchse. Die angeprangerten Kriterien finden sich genau so überall in Deutschland. Und auch sonst in der westlichen Welt.

Und so werden auf den folgenden 120 Seiten nacheinander viele Personen vorgestellt und deren Verflechtungen. Handlungsschauplatz ist eine fiktive, idyllische kleine Gemeinde neben einer Stadt, mit der sie in Rivalität und im ewigen Unabhängigkeitskampf verbunden ist. Zwischen beiden Örtlichkeiten gibt es – Dorn im Auge der Idylle – ein Unterprivilegiertenghetto, das wie alle Ghettos aller Städte geschildert wird. In geraden Linien werden diverse Privilegierte und Unterprivilegierte vorgestellt, dazu pubertierende Teens beider Schichten, die anfangen, sich für Sex zu interessieren. Oder ihn schon kennen, weil sie unterprivilegiert sind und ihnen ohnehin nichts mehr neu ist in einer dreckigen Welt, in der sie schon frühzeitig Verantwortung übernehmen müssen. Neben dem Sexwunsch hassen Söhne ihre Väter oder rebellieren aus anderen Gründen, oder sie mobben Mitschüler, Töchter müssen zu früh zu viel Verantwortung übernehmen und werden deswegen zu Soziopathen; die Mütter sind erwartungsgemäß überfordert und nicht in der Lage, den Mann im Zaum zu halten, oder sie ignorieren schlichtweg die Realität und spielen ihren Männern unfairerweise etwas vor, oder sie sind Junkies, denen eh nicht mehr zu helfen ist; und dass die Eltern sowieso ihre Kinder verabscheuen, ist dann nur noch logisch. Diese Jugendlichenprobleme hätten ein Buch für sich ergeben, hier zerfasern sie leider die Geschichte und blasen klischeeüberfrachtet, störend und vor allem unnötig den dünnen Faden auf, ohne ihn wirklich zu füllen. (Nachtrag: An dieser Stelle hatte ich es noch nicht kapiert. Aber später.)

Ab Seite 100 werden dann die Verbindungen der geraden Linien untereinander geschaffen – die vor kurzem erst aus Liebe zugezogene Sozialarbeiterin als Bindeglied zwischen den Unterprivilegierten und den Privilegierten, ihr Freund ist der Geschäftspartner eines wichtigen Gemeindemitglieds, und die haben wiederum den Nachwuchs, der interagiert. Eingebettet in bis ins kleinste Detail ausgeführte und daher immer langatmiger werdende Beschreibungen von Straßen, Häusern und Räumen treffen sich die Personen zum Essen oder zum Einkaufen und parlieren über den plötzlichen Tod oder zeigen sich boshaft ungeliebten Schwiegertöchtern o.a. gegenüber. Gleichzeitig erfahren wir über eheliche Beziehungen, wie es “hinter der Fassade” aussieht.

Erstes Fazit, was sich bis zum Ende bestätigt:
Die Dialoge sind weder pointiert, noch geschieht irgendeine Handlung, alle Personen reflektieren lediglich den Tod des netten Kerls. Um Sympathieträger will ich gar nicht erst ringen. Aber es gibt bisher einfach keine einzige Bezugsperson. Der Leser bleibt trotz aller Beschreibungen und innerer Monologe fein draußen aus der Geschichte und darf lediglich den Fenstergucker spielen.

Ungeliebt und unglücklich sind sie jedenfalls alle, Jugendliche wie Erwachsene, und machen sich permanent gegenseitig das Leben zur Hölle. Das Krasseste ist, dass in beiden Ortschaften, Pagford wie Fields (also mehr als ein paar Dutzend Leute), nicht ein einziger Mensch existiert, der zu einem anderen hält. Selbst die Geschwister hassen oder ignorieren einander, obwohl zB gerade bei einem gewalttätigen Vater Solidarität entstehen sollte. Und normalerweise auch entsteht. Ganz schlimm ist das vermittelte Frauenbild. Sie sind entweder blökend, Furien oder boshaft. Herunterreduziert auf ein bösartiges Klischee, was insofern unverzeihlich ist, weil dieses Klischee nicht von einem Charakter, sondern von der Autorin selbst bedient wird, was ich von einer Autorin in dem Alter und bei dem Thema nicht erwarten will. Mag ja sein, dass sie vielleicht solche Frauen getroffen hat – aber es sind nicht alle so! Aber die Frauen wie auch alle übrigen geschilderten Personen (und das sind ja sehr viele, um die 20 oder mehr) dienen hier als Stereotypen für alle Einwohner, sie sind dazu absolut einsam und leben nur in ihrer eigenen Welt. Abgesehen davon, dass sie sich selbst nicht leiden können. Sie denken niemals an andere, sie mögen niemanden, sie halten zu niemandem. Das hat nicht nur surrealen Charakter, sondern gerät durch den überspannten Bogen schon in Schieflage zum Slapstick hin, obwohl das Buch jeglichen Humor vermissen lässt. Und das ist das Eigentliche, was das Buch so unlesbar macht.

Ab Seite 120 dann endlich kommt ein wenig Fahrt in die Geschichte: Der wichtigste Gemeinderat möchte die Vakanz kontrollieren, aber es gibt zwei bis drei Anwärter, die Neuwahlen herbeiführen möchten, um sich zu bewerben. Die Jugendlichenszenen überfliege ich inzwischen, ich möchte bitte endlich mal zum Kern der Geschichte vordringen und in Fluss kommen. Die Kids sind eine immer unnötigere Parallelhandlung, die nur durch die Verwandtschaftlichkeit einen Bezug zur Haupthandlung hat. (Später angefügte Notiz, kurz vor S. 400: Ach so. Es gibt gar keine Haupthandlung …)

Bis Seite 200 haben wir dann mal den Tag der Beerdigung erreicht (das mit der “Fahrt aufnehmen” hat sich nach drei Seiten wieder erschöpft). Nach wie vor besteht der Inhalt nur aus Charakterisierungen von zahlreichen Personen. Die Charakterisierungen für sich mögen ja nicht schlecht sein, aber in diesem ganzen Ort gibt es einfach überhaupt niemanden, ob Jugendlicher oder Erwachsener, der “normal” ist, oder der auch nur irgendetwas Positives aufzuweisen hat, vielleicht auch mal positiv denkt, sich positiv verhält. Der einzige scheinbar supernette und normale Kerl ist der Tote. Durch die ständigen Sprünge von einer Person zur nächsten, noch innerhalb einer Szene, ist das überdramatisierend und ermüdend. Muss man denn wirklich alles an menschlichen Problemen in ein einziges Buch reinpacken? Nach wie vor wird keine Geschichte erzählt, sondern alles wird nur in reflektierenden inneren Monologen dargestellt. Noch rund 400 Seiten vor mir. Ich hab Angst davor.

S. 200-300: Und es geht weiter mit faden und öden Begegnungen (einkaufen und essen) boshafter, trauriger, unglücklicher, frustrierter, wütender Erwachsener, deren pauschale Ansichten nun schon zum x-tenmal bis ins Detail ausgeführt werden. Einzig die Familie des Toten bleibt weiterhin außen vor und gesichtslos. So hatten wir das auch schon bei Harry Potter, die Erwachsenen außerhalb der Schule waren gesichtslos oder verblödeten einem unter der Hand, und diese hier verhalten sich immer mehr wie Pappkameraden in einer Telenovela. Der Wendepunkt zu vorher (beim Lesen, nicht Plot Point): Tatsächlich dynamischer und interessanter sind jetzt die Jugendgeschichten. Rowling kann sich eindeutig besser in Jugendliche versetzen als in Erwachsene, hier zeigt sich ihr Erzähltalent. Vielleicht hätte sie dabei bleiben sollen, es wäre ja trotzdem ein Buch für Erwachsene geworden.
Zum ersten Mal seit Beginn tut sich auch in der Handlung was: “Der Geist von Barry Fairbrother” (welch subtil gewählter Name) “spricht”. Da wir aber den Hergang erfahren, wie das geschieht, ist umgehend der Reiz verloren. Gelegenheit für ein Geheimnis – leider ein Rohrkrepierer. Wie kann man das bisher einzige Potenzial, das endlich mal ein bisschen Spannung hervorgebracht hätte, so verschenken???? Ach ja, und außerdem stellt sich heraus, dass Barry ein toller Kerl war, aber ein nachlässiger Ehemann und Vater. Gäääähn … Alle Charaktere erfüllen ein Klischee, bis noch zum Letzten. Und alle sind mir einfach in ihrem Schicksal schnurzpiepe, weil niemand auch nur ansatzweise den Eindruck erweckt, man möchte ihn kennenlernen und sich mit ihm unterhalten oder gar Bier oder Kaffee trinken.
Bisher wird alles sowas von drei- bis siebenmal vorgekaut, selber denken unerwünscht. Ich frage mich immer noch, wo das hinführen soll …

S. 300-400: Auf diesen Seiten eskaliert die Gewalt (die Folgen des unseligen Blog-Eintrags mit dem “Geist”, dazu eine weitere völlig unnötige Nebenhandlung), die physische mehr als die psychische. Dabei bleibt nach wie vor die Politik bzw. die Kritik daran auf der Strecke, es geht jetzt zu 90% um die Jugend, aber die Sozial- und Milieustudien haben wir alle nunmehr bis zum Erbrechen durch. Wir brauchen davon keine Steigerung mehr, doch sie bleibt uns leider nicht erspart.
Das kann nicht mehr besser werden!

bis S. 500: Die Gewalt eskaliert weiter. Ich habe genug. Ich will das nicht hunderte Seiten lang Seite für Seite, Satz für Satz, Person für Person lesen müssen, ohne dass es irgendetwas anderes gibt. Pure Schwarz-Weiß-Malerei ohne Weiß. Alle Charaktere sind und bleiben eindimensional, unflexibel und nicht entwicklungsfähig. So ist das menschliche Leben nicht! Wenn ich geballte Ladung Schrecken haben will, sehe ich mir die Nachrichten an oder lese die Zeitungen. Aber das hier ist unerträglich, überzogen und weltfern. Ich fasse nie wieder ein Buch von der Autorin an.

ab S. 520 merken wir, es geht dem Ende zu. Rasendschnelle Schnitte und es geht endgültig in allem over the top. Alle Personen sind einfach nur noch widerlich. Und komplett durchgeknallt. Ich empfehle allen Personen, einschließlich der Autorin, eine Therapie.

S. 575: Das ist das Ende? Nicht ernsthaft, oder? So soll es aufhören? In einem “Roman” mit -zig Haupt-Personen? Das ist die negative Krönung! Dieser Zynismus ist durch nichts mehr zu überbieten, nicht einmal für ein Theaterstück ist das geeignet. Ein Dreifach Buuuh und Daumen runter. Das ist das Letzte!

Schlussfazit:
Der Autorin hat das Buch sehr am Herzen gelegen, deshalb hat sie auch mehr oder weniger 5 Jahre daran geschrieben. Und genau das ist die Crux – sie hat das Buch nur für sich geschrieben und lässt niemanden sonst daran teilhaben. Ihre unzähligen Details auf jeder Seite lassen eine Storyline vermissen, auf die man noch insofern verzichten könnte, wenn die Dialoge Spannung und Wendepunkte enthalten würden, wenn es eine stimmige Atmosphäre und Wortgewalt gäbe. Abgesehen von ein paar sehr guten Sätzen und Beschreibungen ist die Sprache schlicht und lässt die britische Formulierungs- und Pointierungsfreude, sowie die Selbstironie völlig vermissen. Das kann natürlich ein Übertragungsproblem von gleich zwei Übersetzerinnen sein, die unter zeitlichem Hochdruck arbeiten mussten. Lassen wir das mal dahingestellt, denn zur Mitte hin wird es mit dem Stil tatsächlich besser. Aber leider hat die Autorin sich nicht entscheiden können, ob sie ein Erwachsenenbuch über Jugendliche oder Erwachsene mit Sozialproblemen schreiben sollte – die Kombination, an die sie sich hier gewagt hat, funktioniert in keiner Weise, und das ist meiner Ansicht nach das größte Manko. Vor allem, weil sie auch noch die Politikkritik mit aufgenommen hat, die aber von der ersten Seite an komplett versandet und nur ein paar kleine – also wirklich sehr kleine, wie von Gartenzwergen ausgeführte – Intrigen beinhaltet. Einfach alles hineingepackt, was einen so bewegt, auf Kosten der Dramaturgie, des Erzählflusses, der Spannung (nicht im Sinne von Action gemeint). Noch dazu steigert sich die Autorin immer mehr in die Gewaltdarstellung hinein. Von Anfang an zeigt das Buch nur negative Seiten auf, und dann kommen im letzten Drittel noch 100% Gewalt dazu. Nicht einmal in postapokalyptischen (Comic-)Szenarien wird das derart übertrieben. Das ist absolut unrealistisch. Und der Schluss ist schlichtweg abstoßend.
Eine kleine Anmerkung wegen der vielen öffentlichen Empörungen zu den Flüchen und dem Poppen: Also wirklich, hier zu behaupten, das wäre ein Buch ab 18, ist lächerlich. Die Flüche halten sich absolut in Grenzen (also eigentlich wird fast nur “scheiß” gesagt), und die Popperei wird so gut wie gar nicht beschrieben. (Hier fehlen mal die Details, jawohl! Und warum? Weil selbst der Sex nur eine tieftraurige Angelegenheit ist, die keinerlei Freude bereitet.) Jessas, da ist in jedem Jugendbuch und in jeder Bravo und in jedem frauenhistorischen Roman mehr enthalten. Hier hat einer mal mit dem Erheben des deutschen Zeigefingers angefangen, und alle wedeln eifrig mit. So ein Schmarrn! Die Sprache ist keineswegs deftig, das ist alles ganz normal und im Rahmen. Wenn da nicht Rowling drüber stünde, würde es kein Mensch auch nur erwähnen.

Jedenfalls: Ein Roman ist das nicht, sondern eine Dokumentation im Romanstil, eine Studie. Permanent wird (ja, leider auch von der Autorin) mit dem moralischen Zeigefinger gewedelt, wie böse und hoffnungslos diese Welt doch ist, die sich der Mensch geschaffen hat. Vielleicht hat sich die Autorin ja in das aus den gleichen Gründen unlesbare “Gott der kleinen Dinge” vernarrt und dem “erfolgreich” nachgeeifert. Damit aber so etwas als 575-Seiten-Buch gelingt, hätte J. K. Rowling mal lieber zuerst Roberto Savianos verstörendes “Gomorrha” gelesen. Und als Roman gelingt das auch, wie das zutiefst aufwühlende Buch “Stadt der Blinden” von José Saramago beweist. Davon ist die Autorin meilenweit entfernt. Ihr Magnus Opus ist an mir gescheitert, ich fühle mich abgestoßen und werde zukünftig einen weiten Bogen um sie machen. Vielleicht wäre es besser, sich wieder auf “richtige Geschichten” zu konzentrieren, denn eigentlich kann sie ja gut erzählen.



Die Vermessung der Welt (Daniel Kehlmann)

3 10 2012

Ich weiß nicht, wie man auf die Idee kommt, das Leben von zwei Genies in einem Buch zu erzählen, und noch dazu Alexander von Humboldt und Carl Friedrich von Gauß. Nicht gerade Ikonen der Pop-Kultur (auch wenn Gauß auf dem 10-DM-Schein abgebildet war). Wieso schreibt man so etwas überhaupt? Und dann noch dazu durchgehend in indirekter Rede?
Keine Ahnung – aber seien wir froh drum, dass Kehlmann diese Idee hatte und sie ausführte. Herausgekommen ist ein äußerst vergnügliches, literarisch schön geschriebenes Lebensgeschichten-Buch von wohltuenden rund 300 Seiten, das man einfach nur unter fortwährendem Schmunzeln genießt. Die beiden beschriebenen Genies sind eigentlich schon in ihrer Jugendzeit alte Zausel, verschroben, skurril, weltfremd, versunken in ihrer Wissenschaft und konzentriert darauf, die Welt greifbar und fassbar zu machen, durch Karten und Formeln. Humboldt riskiert dabei sein Leben, ohne es so recht zu merken oder auch nur im Nachhinein wahrzunehmen, und Gauß weiß zwar den körperlichen Genuss mit Frauen zu schätzen, vergisst aber dann schon mal die Romantik einer Hochzeitsnacht, um eine Formel aufzuschreiben, die ihm seit einiger Zeit im Kopf herumgeistert. In einer von Krisen geschüttelten und sich in Wandlung zur industriellen Revolution begriffenen Zeit gehen sie ungehemmt und unbeirrt ihren Weg, bis sie schließlich einander begegnen, im Herbst ihres Lebens. Der eine, immer selbst auf Reisen gewesen, der andere zusehends zum Stubenhocker geraten, der jedoch seinen Geist bis ins All hinausschickt. Wenn man es so betrachtet, gehört das eigentlich schon zusammen.
In ein paar Wochen kommt der Film ins Kino.



Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes (Ted Chiang)

20 09 2012

Ich kaufe Bücher nicht wegen der Preise, mit denen sie überhäuft werden; das ist im Gegenteil für mich eher ein Warnsignal. Doch in diesem Fall sind die vielen Preise, die der Autor in den vergangenen 20 Jahren eingeheimst hat, absolut verdient. Mit den fünf Novellen legt der Autor intelligente, anspruchsvolle, unglaublich einfallsreiche und großartige Science Fiction vor, wie man sie in dieser Qualität nur selten zu lesen bekommt. Dem Autor gelingt es, trotz seines anspruchsvollen Stils Pageturner zu schaffen, und mit wenigen Strichen charakterisiert er die handelnden Personen, dass man sie lebendig vor sich sieht, mit ihnen lebt, leidet und fühlt. Das Ambiente ist stets skurril und phantastisch im wahrsten Sinne des Wortes, und dennoch sieht man es wie im Film vor sich und kann es sich trotz der auch hier nur wenigen Ausschmückungen vorstellen.
Der Turmbau zu Babel: Um Gott nah zu sein, wird in biblischer Zeit bis zum Himmelsgewölbe und darüber hinaus gebaut. Generationen sind beteiligt, werden geboren und vergehen auf dem Weg nach oben und hinein. Wir begleiten Hillalum auf seiner langen Reise bis zur Wahrheit, wie sie schlicht und überwältigend zugleich ist.
Geschichte deines Lebens: Die schönste, romantischste und traurigste Geschichte des Bandes. Es geht um die Wahrnehmung und um die Zeit (das Thema liebe ich ohnehin), eingebettet in einen First Contact.
Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes: Die gemeinste Geschichte. Hundsgemein. Wie finden wir wahre Frömmigkeit? Ach, wir wollen es nicht wissen. Zu Ende gelesen? Mist.
Der Kaufmann am Portal des Alchimisten: Und wieder geht es um die Zeit, diesmal in Form von Zeitreisen, in 1001 Nacht. Was wäre, wenn …? Können wir die Vergangenheit beeinflussen, um die Zukunft zu ändern?
Ausatmung: Eine Metallwelt mit Metallgeschöpfen, die vom Atem des Universums beseelt sind. Ihre Sicht des Universums und die Erkenntnis, dass alles einmal endet. Bittersüß und zärtlich.



Die Flüsse von London (Ben Aaronovitch)

29 08 2012

Ein frisch gebackener Police Constable (mit Migrationshintergrund, wie er gern betont) wird zum Zauberlehrling, nachdem er mit einem Geist gesprochen hat, der eine Aussage bezüglich eines grässlichen Vorfalls mit tödlichem Ausgang gemacht hat. So nebenbei muss er auch noch die zerstrittenen Mama und Vater Themse (nicht verheiratet, nicht liiert) miteinander versöhnen, die viele Kinder haben, die alle einen Fluss Londons darstellen.
Ich wusste gar nicht, dass London so viele Flüsse hat, wieder was gelernt. Die Idee ist ganz nett, und der Kriminalfall hätte Sherlock Holmes zur Ehre gereicht. Allerdings plätschert das Buch so dahin, ohne eine echte Spannung aufzubauen. Vor allem haben beide Stränge absolut gar nichts miteinander zu tun, und da die Themses außer Gelaber nichts Bedeutendes produzieren – sie benehmen sich gesittet, bedrohen niemanden, sind halt einfach da – hätte man getrost auf diesen Strang völlig verzichten können. Es mag vielleicht an der Ich-Erzählung liegen, dass keine Nähe zu den Figuren entsteht, am wenigsten zum Erzähler selbst. Obwohl ich jeden Abend weitergelesen habe, musste ich oft erst zurückblättern, um mich wieder hineinzufinden. Weder die Figuren noch die Geschichte erschlossen sich mir, und der britische Humor, den ich sonst sehr schätze, erhebt sich kaum über die Grasnarbe. Ich fühlte mich weder gut noch schlecht unterhalten, und der Ausklang wurde dann recht holterdipolter abgehandelt. Nachdem Peter 300 Seiten lang nicht wusste, wie er es anstellen soll, wird die Versöhnung der Themses auf zwei Seiten abgehandelt. Der Lehrmeister Nightingale, die einzige interessante Figur im Roman, erscheint überhaupt nicht mehr – den sparen wir uns anscheinend für Teil 2 auf. Der recht ausführliche Action-Showdown davor schaffte es auch nicht, meinen Puls in die Höhe zu treiben. Und so ganz durchgeblickt habe ich auch nicht, obwohl alles mehrfach erklärt wird. Vielleicht, weil das Motiv irgendwie nicht recht nachvollziehbar war und ich Täter und Opfer dauert verwechselt habe, und weil ich immer darauf gewartet habe, welche Beziehung nun die Flüsse zu diesem Fall haben und wie alles zusammengeführt wird. Nun – es gab keinen Zusammenhang (bis auf eine einzige Szene, Deus ex machina), was verwirrend ist und es schwer macht, der Geschichte zu folgen, weil die Stränge nicht kapitelweise, sondern absatzweise abgehandelt werden und so der Eindruck einer Verflechtung entsteht, der nicht da ist. Und die beiden Frauen im Leben unseres Constablers, Lesley und Beverly, habe ich ebenfalls permanent durcheinander gebracht. Die Idee mit Punch ist gut, aber auch hier nicht als Knalleffekt gebracht, wie alle Wendepunkte – ebenso die Auflösung – recht unspektakulär daherkommen. Alle Flüsse plätschern so still vor sich hin und nebeneinander her, und es bleibt nichts hängen. Bei dem Auftaktband wird es für mich bleiben.
Gerade noch Durchschnitt.



Der Poet der kleinen Dinge (Marie-Sabine Roger)

29 07 2012

Über die kleinen Dinge des Lebens, und dass Behinderung nicht unbedingt etwas mit körperlichen Unzulänglichkeiten zu tun hat.
Alex ist eine Herumtreiberin, die es nirgends lange aushält. Derzeit arbeitet sie in einer Hühnerfabrik irgendwo in Frankreich auf dem Land, aber keineswegs in der Idylle, sondern im tristen, industriegeprägten Umfeld. Sie wohnt privat, die Vermieterin (vermutlich mittleren Alters) richtet die Welt nach ihren Vorstellungen und ist eine typische alles kritisierende Hausfrau, ihr (wahrscheinlich gleichaltriger) Mann hat längst resigniert. (Klischee.) Er hat einen Bruder, Gérard, den Alex Roswell nennt, denn Gérard sieht monströs wie ein Alien aus und ist körperlich schwer behindert (so geboren). Er kann sich auch kaum ausdrücken. Aber sein Gehirn arbeitet gut, und er hat es gelernt, sein Leben von der besten Seite zu sehen. Durch seine unerschütterlich gute Laune und seine schrägen Einfälle, seine Liebe zur Poesie, die er in Gedichten und mit grausam falsch gesungenen Liedern ausdrückt, zeigt er jedem, der ihm zuhören will, worauf es ankommt. Sein Bruder hängt an ihm, behandelt ihn jedoch wie einen Behinderten, und seine Schwägerin sieht ihn nur als nutzloses, nervtötendes und belastendes Anhängsel. Ihr Geduldsfaden reißt, als Roswell bei dem Versuch, sich Popcorn zu machen, die Küche in Brand setzt, und sie plant, ihn heimlich auszusetzen.
Alex, “behindert” durch ihre Bindungsunfähigkeit, ist fasziniert von Roswells bodenständiger Lebensphilosophie, und bald zieht der schräge Poet auch noch zwei weitere haltlose und im Prinzip gleichfalls “behinderte” junge Männer in seinen Bann, denen er plötzlich einen Lebenssinn und Lebensfreude gibt.
Der Beginn ist reichlich zäh, da man keinerlei Vorstellung von den handelnden Personen – vor allem von der Ich-Erzählerin – bekommt, die sich absichtlich den androgynen Namen “Alex” gegeben hat, weil sie ihre Weiblichkeit auf ihren Reisen lieber versteckt. Obwohl sie schon auf die 30 zugeht, benimmt sie sich eher wie ein Teenager; ebenso übrigens die beiden jungen Männer Olivier und Cédric, die wie Anfang 20 wirken. Ebenso habe ich eine Weile gebraucht, bis ich verstanden hatte, dass aus der Sicht von zwei Ich-Erzählern berichtet wird, das war mir nicht von Anfang an klar.
Roswell als Nebenfigur hingegen ist immer verständlich und nachvollziehbar, die Gedichte werden allerdings nur am Anfang erwähnt, dann leider nie wieder.
Das Ende ist ziemlich holterdipolter, obwohl sich da eine Menge Konfliktpotenzial angeboten hätte, was der Geschichte durch mehr Länge und Tiefgang sehr gut getan hätte. So aber wird plötzlich jemand zur Errettung aus dem Hut gezaubert, und zack, schon wenige Seiten später ist alles eitel Wonne. Schön, dass es ein gutes Ende gibt, aber die Hinführung ist viel zu hastig. Als ob die Autorin sonst den vorgegebenen Seitenrahmen gesprengt hätte, führt sie zu einem abrupten Ende.
Es ist eine recht kurze, leicht lesbare, nicht allzu anspruchsvolle Geschichte, die allerdings mit einigen guten bis äußerst gelungenen Zitatsprüchen aufwarten kann und ein kurzweiliges Lesevergnügen bietet.



Ali und Ramazan (Perihan Magden)

28 07 2012

Die Autorin ist in ihrer türkischen Heimat Bestsellerautorin, und das ist kein Wunder. Sie kann unglaublich gut erzählen, mit wenigen, aber dafür umso treffenderen Worten. Ein Buch, das wie ein Film ist, das glücklicherweise nur kurz ist und schnell gelesen werden kann, denn es geht ordentlich an die Nieren. Und es bleibt lange was hängen.
Vor allem sind es ja nicht nur die beiden jungen Männer, die eine tragische – auf einer wahren Begebenheit basierenden – Geschichte haben, sondern auch ihr ganzes Umfeld ist zerrüttet, unglücklich und ohne Zukunft.
Die Geschichte von zwei Waisenjungen, die sich als Dreizehnjährige zum ersten Mal im Waisenhaus in Istanbul begegnen und von da an nie wieder voneinander lassen können – ihr kurzes, tragisches Leben lang. Beiden wurde jegliche Chance auf ein normales Leben verwehrt, weil sich der Staat nicht im geringsten für Waisen interessiert. Ramazan ist mit seinen 13 Jahren schon jahrelang vom Direktor missbraucht worden. Er ist längst erwachsen, kennt die Menschen, er kennt sämtliche Sexpraktiken besser als er jemals schreiben können wird, er versteht seine Schönheit einzusetzen – und er liebt Ali. Und Ali liebt ihn. Sie lieben sich mit einer Intensität, die sie beide zerstören wird, weil diese Liebe selbstzerstörerisch zugleich ist. Ohne jemals einen Platz in der Gesellschaft und in sich selbst zu finden, haben sie nur einander, bis zum bitteren Ende.