Niemand (Nicole Rensmann)

18 07 2013

Ich liebe Märchen. Ich bin Märchen-Fan. Schon immer gewesen, werde ich immer sein. Ich habe ein ganzes Buchregal (wenn es reicht) voll nur mit Märchen, Sagen, Fabeln, Legenden, dazu diverse Time-Life Sammlungen, Lexika und was es sonst noch so gibt. Schon immer habe ich – zunächst nur für mich – Texte verfasst, die sich mit Märchen beschäftigten, aber auch mit der Umsetzung schräger Wortspiele, bestimmter Bezeichnungen und dergleichen mehr.
Als Neil Gaimans – den ich für den größten Phantastik-Autoren der Gegenwart halte – „Sandman“ herauskam, stellte ich fest, dass noch jemand diese – skurrile – Erzählweise mochte. Märchen neu zu erzählen, neu zu interpretieren, und manches wörtlich zu nehmen.
Als ich die Chance für die Serie Elfenzeit bekam, war es endlich soweit, selbst aus dem Vollen schöpfen zu können, mich gnadenlos und ungeniert aus Märchen der ganzen Welt zu bedienen und dabei noch seltsame Wesen zu schaffen. Vor allem Co-Autor Michael Marcus Thurner brachte da jede Menge Facetten mit ein, die mir viel Vergnügen bereiteten.

Und nun gibt es da also „Niemand“ von Nicole Rensmann.
Wenn es um Trauerklöße, Drecksäcke, unsichtbare Niemande (Niemand, Niemand Sonst und Überhaupt Niemand) geht, um Abrissbirnenkatzen, Laberbacken und E-Mann-Zehen (na? kapiert?), da kann ich nicht widerstehen. Da muss ich zugreifen. Und schlemme, genieße, versinke mit jeder Seite. Genau das, was ich als Phantastik liebe.
Einen ganzen, ordentlich umfangreichen Roman auf diese Weise und auf bleibendem hohen Niveau zu erzählen – das ist der Autorin in einer Weise gelungen, die sonst nur Neil Gaiman schafft.
„Niemand“ ist eines der zauberhaftesten, fantasievollsten und humorvollsten Märchen, die ich je gelesen habe. Wo Sprichwörter und Bezeichnungen wörtlich zu nehmen sind und man sehr genau aufpassen muss, was man sagt, um nicht in Gefahr zu geraten, jemanden zu beleidigen oder aus Versehen zu verraten. Der unsichtbare „Niemand“, Herrscher des Niemandslandes, Sohn des überaus niederträchtigen Niemand Sonst, der wiederum mit seinem anscheinend fast genauso niederträchtigen Bruder Überhaupt Niemand im Streit um den Thron liegt, der ihnen gar nicht zusteht, hat sich selbst noch nie gesehen. Genauso wenig wie natürlich auch Vater und Onkel, doch sie haben andere Sinne, um sich zu orientieren, und das ist vor allem der Geruch. So gewinnt die Wahrnehmung eine ganz neue Facette, findet ganz neue Begriffe, und Liebe ist ein leckerlieblichzuckersüßer Erdbeerduft, und zwar so, dass ich als Leserin sie auf der Zunge schmecken kann. Niemand (also der Herrscher, der ein Junge ist) ist so herzergreifend liebenswürdig, dass man ihn die ganze Zeit nur knuddeln möchte. Und er begegnet einer Nina, wie es eben nur eine Nina sein kann, aus unserer Welt, ein selbstbewusstes Mädchen voller Charme und Humor, manchmal ein bisschen tollpatschig, aber das passt ja zu Niemand. Dass die beiden sich ineinander verlieben, ist zwangsläufig und eine wundervoll romantische Geschichte. Wie im richtigen Märchen eben, wie wir es beim „Letzten Einhorn“ und bei der „Brautprinzessin“ und natürlich auch beim „Sternwanderer“ erlebt haben, so gehört sich das.
Mit ihrem unerwarteten Erscheinen im Niemandsland bringt (die entzückende) Nina natürlich alles komplett durcheinander – und Niemand dazu, eine Entscheidung zu treffen. Oder eigentlich mehrere. Die erste gipfelt darin, dass er einen Namen will, und das löst das Chaos (und den Kampf um den Thron) erst so richtig aus. Vor allem auch, weil Niemand ja zuvor das Geheimnis um seine Mutter lösen muss, und wie es überhaupt zu allem gekommen ist.
Das Buch ist wie seine Protagonisten – charmant, humorvoll, rasant, spannend (oh ja!) und einfach vergnüglich; kurz: ein Wohlfühlbuch.

Obwohl ich mich sonst nicht für solcherlei interessiere, habe ich extra auf der Seite des Deutschen Phantastik Preises nachgesehen und musste feststellen, dass Niemand nicht auf der Shortlist steht. Sehr schade. Das Buch hätte es verdient.
Wäre Elfenzeit noch nicht zu Ende, ich hätte die Autorin in meinem Keller angekettet und unter Honorarandrohung gezwungen, einen Roman dafür zu schreiben.
So werde ich eben ab und zu wieder nach Niemandsland reisen, bis „Niemand Mehr“ erscheint, an dem die Autorin ihrem Blog zufolge gerade schreibt. Man darf gespannt sein. Große Klasse.


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