
Letztes Wochenende haben wir dich noch besucht, für dieses Wochenende habe ich schon Möhrchen und trockenes Brot gehortet. Letztes Wochenende warst du so gut drauf, bist rumgetobt wie ein Irrer, hast Äpfelchen und Möhrchen und Brot gemampft, hast mit mir geschmust und dich einfach deines Lebens gefreut. Deines Rentnerdaseins im absoluten Paradies mit riesigen Weiden, über die du galoppiert bist.
Im Jahr 2000 war es soweit, dass ich sagte: Ich kann nicht mehr ohne Pferd. Unser Inschallah war schon drei Jahre tot, und so konnte es nicht mehr weitergehen.
Mein Traum als Westernfan war ein Appaloosa. Also machte ich mich auf die Suche und wurde fündig bei einer Züchterin östlich von München, die mehrere Pferde zur Auswahl hatte. Wir wollten außerdem zwei, denn Gerald wollte ja auch mitreiten. Also fuhren wir hin und wurden als erstes Mike vorgestellt, einem lackschwarzen Traber, der fröhlich und sanft aus der Box herausblinzelte. Ganz klar, dass der mitgeht.
Und dann begann es mit der Qual der Wahl, als uns ein Pferd nach dem anderen vorgestellt wurde. Und zuletzt gingen wir in einen halbdunklen Laufstall, in dem sich eine Menge junger Äppis herumtummelte, und da begegnete mir mit einem kurzen weißen Aufblitzen der „Menschenaugen“ ein Pferdeaugenpaar, und das Pferd folgte uns, als wir draußen entlanggingen. „Ja“, sagte der Mann der Züchterin, als das Pferd schließlich rauskam ins Sonnenlicht und neugierig vor mir stehenblieb. „Und das ist der Touch. Er ist eben … der Touch.“
„Den will ich nicht“, sagte ich. „Der ist ja ganz braun. Und er ist erst drei und ich schon fast 40 und blutige Anfängerin.“
„Wollen Sie ihn nicht vielleicht wenigstens ausprobieren?“, fragte die Züchterin schelmisch und winkte schon jemandem, der Touch rausholte. Wir gingen zum Reitplatz, wo Mike gerade vorbereitet wurde, dann stieg ich drauf, und was habe ich gelacht, als der lostrabte und ich rumgeschüttelt wurde wie sonstwas. Ein so liebes, vertrauensvolles, sanftes Pferd – das kann man eigentlich gar nicht mit Geld bezahlen.
Und dann kam Touch.
Ja, sah ganz nett aus, unterm Sattel, aber ich merkte schon, dass der den Schalk draufhatte. Aber dann stieg ich auf. Er war erst angeritten. Aber ging wie Butter.
Na ja. Der Rest ist Geschichte.
Touch, du warst ein typisches Indianerpony. Sternzeichen Widder, hattest du zwei Hörnchen auf der Stirn, die deine Sturheit optisch symbolisierten. Dein Temperament entsprach der angezündeten Lunte einer Dynamitstange. Und als selbstständig denkendes Westernpferd hast du niemals, niemals, niemals nachgegeben. Es sei denn, du hast gemerkt, es geht nicht anders. Dann bist du auch fröhlich in den Hänger spaziert. Abgesehen von weißem Zeug, das in der Landschaft herumstand (du warst farbenblind) hattest du vor nichts Angst.
Du bist sprichwörtlich mit mir durchs Feuer gegangen, hast alle Feuer-Ritterübungen gleich beim ersten Mal mit Bravour bewältigt, und das, ohne mit der Wimper zu zucken. Showauftritte waren dein absolutes Ding, du liebtest die Manege und den Beifall. Sobald ein Kind auf dir saß, oder jemand, der zum ersten Mal auf dem Pferd war, bist du auf rohen Eiern geschwebt und hast immer wieder nach hinten geschaut, ob es deinem Reiterlein da oben auch wirklich gutgeht. In der Gruppe hast du jedes nervöse Pferd beruhigt. Du hast Kühe geschubst und die Schackeline von Abahatschi gegeben. Draußen im Gelände, wo wir 99% verbracht haben, hast du alle Schwierigkeiten problemlos gemeistert, steil runter, steil rauf, 4, 5 Stunden … und absteigen, da bist du stehengeblieben, ich musste nicht nach dir sehen, sondern konnte mich um verzweifelte Reiter kümmern oder ein Hindernis wegräumen.
Aber du hast mich auch in den Schnee betoniert, dich mit mir in die Brennesseln geschmissen, bist auf dem Hof herumgetanzt, weil du nicht stehenbleiben wolltest, hast auf dem gemeinsamen Ausritt herumgebuckelt wie auf dem Rodeo, hast alle zum Lachen gebracht mit deinen Kapriolen, nur mich nicht, klar. Du hast mich blamiert, wo es nur ging. Aber niemals, wenn es ernst wurde. Das konntest du sehr genau differenzieren.
In einem Kurs sagte eine bekannte Trainerin einmal: „Das ist ein tolles Pferd, aber diskutieren anfangen sollte man mit ihm nicht.“
Ja toll, was blieb mir denn? In den ersten 3 der 26 Jahre habe ich dich oft verflucht und ja, manchmal auch gehasst, weil du mit mir alles gemacht hast. Aber du bist niemals durchgegangen, du bist niemals durchgedreht, du warst immer klar im Kopf. Nur halt der Kasper und Clown, und Frauli kennen wir ja, die hat mit mir reiten gelernt, da können wir uns schon was erlauben.
Aber dann, als wir 2004 ins Unterallgäu umgezogen sind, hast du angefangen, dich zu wandeln. Aus dem braunen Pferd wurde ein red roan Appaloosa und ein 100% Verlasspferd. Manchmal brach dein Temperament noch durch, aber du hast dann immer schnell innegehalten, zu mir hintergeschaut und gesagt: „Irgendwie doof, oder?“ „Ja“, hab ich geantwortet. „Wollen wir weiter?“ „Aber ja. Nachher Galopp?“ Aber ja.
Wir wurden gemeinsam alt. 2023 war es soweit, dass ich dich in Rente geschickt habe, ich war 62, du warst 26, prima Zahlendreher und ein Zeichen. Ich konnte nämlich nicht mehr reiten mit meiner Rückenerkrankung, und du hattest dir den Ruhestand verdient.
Und nun hast du mich ganz plötzlich und völlig unerwartet verlassen, liegst ganz still auf der Weide im Mondschein, umgeben von Grillenzirpen und Frieden. Eine Kerze haben wir dir hingestellt.
Du galoppierst nun hinter dem Regenbogen über ewig grüne Wiesen. Und für mich endet damit ein Lebensabschnitt, für immer.
Mein Touch, du warst ein 1-Woman-Horse, wie es im Buche steht. Du warst ein Voll-Amerikaner mit großer Ausdauer und Schnelligkeit. Dein Opa war Goer, der berühmteste Appaloosa-Hengst aller Zeiten mit den meisten Nachkommen aller Zeiten. Dein Papa war sein Sohn, deine Mama hatte viel Quarter und Araberblut in sich, was man an deinem feinen Kopf sah. Mit den Jahren wurdest du deinem Opa immer ähnlicher, nur nicht so schwer. Du hast von ihm und deinen Eltern Schönheit, Klasse und Intelligenz geerbt. Dein Temperament … na ja. Aber du hast mich ausgesucht, ich war „die Eine“. Und du warst „der Eine“ für mich.




















