S – Das Schiff des Theseus (Abrams/Dorst) Fazit

9 01 2016

Eine rückwärts gerichtete Erzählung, die zu Beginn eine Fülle an Informationen bietet, die Zug um Zug, je mehr man sich der Auflösung bzw. dem Ende nähert, abnehmen und an Bedeutung verlieren.

Ein Verschwörungs- und Rätselbuch, das mit sehr großem Aufwand erstellt wurde und nicht nur durch die Beilagen, sondern auch im Internet akribisch weiter ausgeführt wird mit Informationen, Hintergründen und dergleichen mehr. Eine Rahmengeschichte auf diese Weise zu erzählen, die noch dazu die eigentliche Hauptgeschichte ist, hat etwas für sich. Kann man natürlich nur einmal bringen, doch das ist wirklich gut gelungen.

Gratulation an die Übersetzer, die ihre Sache hervorragend gemacht haben.

In dieser Hinsicht ein Kleinod, ein wertvolles Sammlerstück, und der Dank gilt den Verlagen, dass sie dieses Kleinod auch das Licht der Welt erblicken lassen.

Was aber nur gelingen kann, wenn sich jemand wie JJ Abrams daran macht. Der Mann hat das Ansehen und das Geld, einen solchen Aufwand zu treiben und den Erfolg der Veröffentlichung hinzubekommen. Seinen Co-Autor kenne ich nicht.

Kein Verlag würde so einen Aufwand treiben, stünde dahinter nicht mindestens ein berühmter Name, der vielleicht sogar einen Teil der Produktionskosten übernommen hat.

Eine Hommage ans Buch, ans Lesen, ans Rätselspielen mit steigender Spannung. Und für diejenigen, denen das nicht genug war und die noch mehr haben wollen, gibt es im Internet haufenweise mehr dazu. Es sind alles Ablenkungen.

Denn: Es ist dann halt auch nicht mehr. Der Streifzug durch die Film-Literatur ist sehr pointiert, nett. Der fiktive Autor Straka war für mich schon zu Beginn ab dem Moment uninteressant, als ich die lange Liste gelesen habe, woran er alles beteiligt gewesen sein soll. Das ist dann einfach zu viel (und auch zu grotesk und absurd). Bond/Blofeld.

Die Schwäche des Buches ist meiner Ansicht nach, dass Abrams Filmemacher ist und kein Literat, und dass er schon mal gern die Stringenz auf Kosten der Effekthascherei flöten gehen lässt und zu sehr zu detail- und selbstverliebten Mitteln greift, die letztendlich keinen Sinn und Zweck ergeben.

Man soll das Buch mehrmals lesen, doch dazu kommt es bei mir nicht, denn was sich jetzt nicht erschlossen hat, wird sich auch später nicht erschließen oder eine Lösung bieten, sondern höchstens eine Interpretationsvariante. Das mit dem mehrmals Lesen ist auch nur deswegen notwendig, weil man bei der Fülle an verschiedenen Leseabschnitten einfach einiges überliest bzw. wieder vergisst, denn so viele Infos werden gar nicht vermittelt, man ist nur diese „Multi-FiFo“-Aufnahme nicht gewohnt, sondern eben lineares Lesen. Ich hasse es übrigens, hin und herspringen zu müssen, um etwas zu kapieren. Suchen kann man in dem Teil gar nicht, wo denn, bei so vielen Textstellen? Deshalb verzichte ich notgedrungen einfach auf die Dinge, die mir persönlich nicht so wichtig sind – etwa die Codes und Verschlüsselungen; ich habe mich natürlich auf die Romanzen konzentriert. 😉

Das ist für mich auch nicht der Sinn eines Buches, denn ganz ehrlich, ich bin nicht Eric, ich hab weder die Zeit noch die Lust, daraus das „Buch meines Lebens“ zu machen. Ich brauche auch keine Internetseiten mit Lösungsansätzen. Nichts ist so unwitzig wie ein Witz, der erklärt werden muss und dazu noch verschiedene Pointen anbietet.

Es ist also reine Interpretationssache, und ich interpretiere jetzt mal, dass alles eine einzige riesige Lügenbarongeschichte ist, eine Posse, ein Ballon, gefüllt mit heißer Luft, der ablenkt von einem ziemlich simplen, wenngleich variationsreichen Thema.

Was mich in der Retrospektive meiner Kommentare ein wenig verärgert, dass so viele hingeworfene Fäden nie mehr aufgegriffen und zum Ende geführt werden. Alles nur Ablenkungen, um die Spekulationsfreude zu schüren, und schon sind wir wieder beim mit heißer Luft aufgeblasenen Ballon. Da hätte schon sehr viel mehr Potential drin gelegen.

Die Essenz für mich daher: Die Liebe in all ihren Variationen, als Nebeneffekt die Suche nach sich selbst, wer man sein will, und ob man es wagt, eine Beziehung einzugehen. Die Verschwörungstheorien sind schmückendes Beiwerk, um eine Spannung aufzubauen und den Anschein eines Thrillers zu erwecken, doch jagen alle Figuren nur einem einzigen Ziel hinterher, nämlich sich zu beweisen.

Fazit: Weniger wäre mehr gewesen, damit ich mich emotional beteiligter empfunden hätte. Ich bin und bleibe ein klassischer Leser. Und mal ehrlich, wieso sollte ich nach dem Zuklappen weiterhin einer fiktiven Figur mit fiktiven Büchern hinterherjagen und die Identität anderer fiktiver Figuren enthüllen wollen? Was bringt mir das? Die Autoren bieten ja kein Lösungsbuch an, und vor allem sind es ihre Figuren. Die können mir viel erzählen. Interaktiv gut und schön, aber Ende ist für mich Ende, ich bin weder Jen noch Eric, sondern halte es mit „EP“.

Für die Idee, optische Aufmachung und die Freude beim „Herumspielen“ gebe ich 5 von 5 Punkten, für die Ausführung 3, für die Storyline selbst knappe 2 Punkte.

Nachtrag im März 2016: Es gibt jetzt auf dem „Straka-Blog“ das „angeblich von Straka verfasste Ende“ nachzulesen. Auf Englisch, ein reichlich langer Text, der ein wenig düsterer endet. Hier zu finden

Weiterer Nachtrag: Das gelöste Coderätsel findet sich hier


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